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ZU BESUCH BEI UNVERPACKT KIEL

Unverpackt ist hier Programm
Unverpackt ist hier Programm

Im Moment ist Fastenzeit. Von Aschermittwoch bis Ostern fasten traditionell Menschen christlichen Glaubens, um sich an das Leiden und den Tod Jesu Christi zu erinnern und sich auf das Osterfest der Wiederauferstehung vorzubereiten.

Als Hersteller einer nachhaltigen Alternative zu Einwegtüten interessiert uns das natürlich! Wir haben deshalb mit Marie Delaperrière von Unverpackt in Kiel gesprochen. Sie hat 2014 den ersten Laden für Lebensmittel in Deutschland eröffnet, in dem man ohne Verpackung einkaufen kann - also anders gesagt: ohne Müll. Dazu bringen die Kunden ihre Behältnisse für Lebensmittel selber mit. Gläser, Flaschen, Tüten und Beutel werden leer gewogen, befüllt und der Inhalt nach Gewicht bezahlt. So wird nicht nur müllfreies, sondern auch grammgenaues Einkaufen ermöglicht. Das schont nebenbei den Geldbeutel und reduziert Verschwendung, weil nicht mehr gekauft werden muss als benötigt wird.

Wie unverpackt entstanden ist

Marie Delaperrière hat unverpackt Kiel 2014 gegründet
Marie Delaperrière hat unverpackt Kiel 2014 gegründet

Die Idee zu Unverpackt kam Marie durch Bea Johnson, als sie Ende 2012 einen Artikel der Amerikanerin las, in dem sie schrieb wie sie seit 3 Jahren mit ihrer Familie komplett müllfrei lebt. Da auch Marie mit ihrer 5-köpfigen Familie vor großen Verpackungsbergen nach dem Einkaufen stand, beeindruckte sie der Artikel sehr. „Wir haben damals 2 gelbe Säcke voll Plastikmüll in der Woche verbraucht“, erzählt mir Marie. „Man kauft einfach überhaupt nicht bewusst ein.“ Sie begann, ihren Konsum zu überdenken, zu reflektieren und zu überlegen, was man unverpackt kaufen könnte oder einfach anders und ökologisch verpackt. Für sie persönlich hat sich diese Überlegung ausgezahlt. „Heute verbrauchen wir nur noch einen 10l Beutel im Monat.“

 

Sich mit dem Thema Müll auseinanderzusetzen, sei auch ein spielerischer Prozess, erklärt sie weiter. „Die Suche nach einer Alternative zur bestehenden Verpackung fordert auch Kreativität. Man lebt ja nur bewusster, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt und fängt auch an, Dinge mehr selber zu machen. Pizza zum Beispiel. Klar kann ich den Teig und die Soße fertig verpackt kaufen, aber ich kann auch alles selber machen und die Zutaten ohne Einwegverpackung kaufen.“ Wichtig sei vor allem, das Problem der Verpackung zu reflektieren.

 

Der Zero Waste Lebensstil ist eine Vision, die impliziert so müllfrei wie möglich zu leben und jeder Schritt in diese Richtung zählt. Es ist keine Umstellung, die über Nacht passiert, sondern ein Prozess. „Es gab schon Leute im Laden, die auf einmal mit vielen Behältnissen kamen, um die Verpackung sofort zu verbannen. Durch die radikale Umstellung waren sie jedoch überfordert. “ Es sei wie bei einer Diät, erklärt sie mir. Wer da von jetzt auf gleich auf alles verzichtet halte 3 Tage durch. Der vierte Tag sei dann schlecht und schon schmeiße man hin. „Man darf dabei nicht drastisch werden. Gewohnheiten umzustellen braucht einfach Zeit!“ Die großen Gewinner seien dabei die Leute, die stückweise Verpackung reduzieren und immer weiter probieren. „Diese Leute kommen wieder“, sagt Marie.

Fastenzeit ist Reflektionszeit

Stoffbeutel sind super für grobe Trockenware wie Reis oder Kartoffeln
Stoffbeutel sind super für grobe Trockenware wie Reis oder Kartoffeln

Aber wie sieht es nun aus mit dem #plastikfasten? Bringt das überhaupt was will ich wissen? Marie ist da skeptisch. „Ich finde die Fastenzeit sehr instrumentalisiert“, sagt sie. Das entscheidende an der Fastenzeit sei die Reflektion seiner selbst, meint sie. Reflektion kann aber in ganz viele Richtungen gehen und müsse nicht unbedingt Verzicht sein. Im Stille gebe ich ihr Recht. Für viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld ist Fasten einfach ein Innehalten, ein sich zurückziehen und sich selbst auch reflektieren. „Verzicht kann zwar das Ziel der Reflektion sein aber was macht man dann das restliche Jahr über?“, fragt Marie. Für mich klingt das wie ein Jojo-Effekt und ich muss an den Diät-Vergleich von grade eben denken. Aber klar: wer 40 Tage lang von jetzt auf gleich Plastik aus seinem Leben verbannt, wird vielleicht schneller rückfällig als jemand, der sich stückweise rantastet.

 

„Wichtig ist, zu entscheiden, wie man fasten will“, sagt Marie. „Will man die Zeit zum Testen nutzen? Will man offen probieren wie man selbst ohne Plastik zurechtkommt oder zittert man die ganze Zeit völlig angespannt, weil man den Verzicht unbedingt durchhalten will? Das Prinzip, einfach mal zu testen, ist gut, aber nicht an die Fastenzeit gebunden. Das kann man immer und jederzeit machen.“ Positiv an der Fastenzeit könne aber der Gruppen-Effekt sein, räumt sie ein. Zu wissen, dass man nicht alleine ist, sondern sich als Teil einer Gruppe fühlt, motiviert sicher den einen oder anderen mehr, denke ich mir.

 

Spürbar mehr Kundschaft hat sie während der Fastenzeit aber nicht, sagt Marie mir. „Die Kundschaft ist generell völlig divers“, sagt sie. „Wir haben Stammkunden, die von Anfang an zu uns kommen, aber es kommen auch immer neue Leute rein, um unverpackt zu testen oder weil sie einfach neugierig sind. Das ist ganz bunt gemischt.“ Sie habe auch nie einen Laden für eine bestimmte Gruppe aufmachen wollen, sagt sie. Vom Kind bis zum*r Senior*in sei jedes Alter dabei und Studierende kämen genauso wie Berufstätige. Es sei ihr wichtig gewesen, ein Angebot für alle zu schaffen, sagt Marie.

Unverpackt ist nicht teuer

Haarseifen ersetzen flüssiges Schampoo - ohne Plastikverpackung
Haarseifen ersetzen flüssiges Schampoo - ohne Plastikverpackung

Ein Laden für alle setzt natürlich ein erschwingliches Preisniveau voraus. „Ware bei uns ist nicht teurer als qualitativ vergleichbare Ware in anderen Geschäften“, meint Marie. Das Feedback käme auch von ihren Kunden. Unverpackt wird beim Einkauf oft fest eingeplant. „Oft kommen die Leute erst zu uns, gehen dann zum Wochenmarkt und kaufen nur noch im normalen Supermarkt ein, was sie noch nicht bekommen haben.“ Das Vorurteil, dass unverpackt teurer sei, interessiert sie nicht. Man könne ja nur vergleichen was vergleichbar sei. Bei Ware in Discountern, die sehr billig angeboten wird, müsse man sich einfach fragen, zu welchen Bedingungen sie hergestellt werden. „Wie sollen da zum Beispiel faire Löhne gezahlt werden?“, fragt Marie mich. „Zugang zu billigen Lebensmitteln führt einfach zu mangelnder Wertschätzung des Produktes. Einiges ist auch einfach von Natur aus teuer. Kaffee und Nüsse zum Beispiel. Klar ist das bei uns so teuer wie woanders in entsprechender Qualität auch.“ Wer also Ware in höherer Qualität sucht, wird bei unverpackt fündig ohne drauf zu zahlen! Für viele, die über unverpackt als dauerhafte Einkaufsmöglichkeit nachdenken, sicher eine wichtige Information.

Was ist Nachhaltigkeit?

Unverpackt bezeichnen viele Menschen in meiner Umgebung als „nachhaltig“. Aber was genau steckt eigentlich hinter diesem Begriff? „Nachhaltigkeit“ erklärt der Duden mit „längere Zeit anhaltende Wirkung“. Das klingt zwar toll, aber recht unkonkret. Ich frage Marie deshalb was Nachhaltigkeit für sie ist. „Nachhaltigkeit ist für mich wie ein großer Sack. Nachhaltig zu leben ist eine Einstellung, die an die zukünftige Generation denkt. Das ist kein einzeln individueller Gedanke, sondern unbegrenzt.“

In diese Einstellung zähle die Frage wie man konsumiert und was für Konsequenzen sich daraus ergeben. „Nachhaltig lebt man wenn man durch sein Verhalten die Umwelt schont und etwas Gutes für die nächste Generation hinterlässt. Wer zum Beispiel sagt er kauft nur Äpfel aus der Region, aber gleichzeitig zweimal im Jahr in den Urlaub fliegt, lebt nicht nachhaltig!“

Nachhaltigkeit ist für Marie also nichts einzelnes, sondern die Summe aus vielen verschiedenen Faktoren. Ich persönlich glaube, dass viele Menschen darüber gar nicht recht nachdenken, zumal die Bezeichnung „nachhaltig“ mittlerweile ständig zu Marketingzwecken verwendet wird. Außerdem gut zu wissen: der Begriff ist nicht geschützt! „Nachhaltig“ ist kein offizielles Siegel wie zum Beispiel „Bio“. Es lohnt sich also, zweimal hinzuschauen und sich selbst zu überlegen, was „Nachhaltigkeit“ für einen selbst bedeutet.

Tipps und Einwegsünden

Ich frage Marie nach ihrem persönlichen Tipp zur Einweg-Vermeidung. Die Antwort ist schnell gegeben: „Nimm einen festen Einkaufsbeutel mit“, sagt sie. „Immer! Es gibt keine Entschuldigung, den zu vergessen. Mach ihn an deinen Schlüssel oder leg ihn neben dein Handy, dann vergisst du ihn nicht“, sagt Marie. „Wenn wir unser Handy vergessen oder den Schlüssel fühlen wir uns nicht gut. Wenn du dasselbe Gefühl hast wenn du deinen Beutel vergisst, ist das Ziel erreicht.“ Das klingt sinnvoll. Ich selber habe schon jetzt immer einen Beutel dabei, aber wenn man damit erst anfängt, ist der Tipp sehr nützlich!

Der fertige Einkauf komplett in Mehrweg
Der fertige Einkauf komplett in Mehrweg

Eines interessiert mich ganz besonders: Ich frage Marie nach ihrer größten Einwegsünde. Verwendet jemand, der ein Minimum an Einweg nicht nur privat, sondern auch beruflich vertritt, überhaupt Einwegartikel? „Ich glaube das sind meine Nylons“, sagt Marie mir. „Per Definition sind sie Einwegartikel, aber ich benutze sie solange bis es nicht mehr geht. Wenn ein Loch drin ist und das Kleid darüber liegt, stört mich das nicht.“ Eigentlich total ironisch, waren Nylons ja mal ein echtes Mehrwegprodukt. Man (oder frau) brachte sie früher sogar noch zum Maschen aufziehen, wenn sich doch mal eine Laufmasche eingeschlichen hatte. Aber heutzutage sind Nylons ein Paradebespiel unserer Konsumgesellschaft: Was sich reparieren lässt, wird nicht mehr angeboten, weil neu verkaufen profitabler ist. In Sachen Abfallbilanz ein echter Rückschritt!

 

Unser Gespräch neigt sich dem Ende zu. Meine letzte Frage an Marie lautet: Was bleibt? Färbt ihre Einstellung zur Verpackungsfreiheit auf andere ab? „Ich hab sicher als Exot angefangen, aber ich behaupte nicht von mir, andere Menschen in meinem Umfeld zu unverpackt gebracht zu haben. Sicher übernehmen Leute das, aber ich bin nicht immer der Anstoß. Es beschäftigen sich viele Leute damit, das kommt also nicht nur von mir.“Ich lerne aus dem Gespräch vor allem eines: unverpackt leben ist nichts Absolutes! Jeder muss nach wie vor selber seine Balance für Verpackungsfreiheit finden. Wenn man nicht zu 100% verpackungsfrei lebt, ist man nicht gleich ein schlechter Mensch! Maries unverpackt ist für mich eine tolle neue Möglichkeit, den eigenen Konsum zu überdenken und bietet gleichzeitig eine Alternative zum Verpackungswahnsinn unserer Gesellschaft - ein weiterer Schritt Richtung Nachhaltigkeit inklusive.

 

Ein Artikel von Franziska Rahlf.

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