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EIN GROßHÄNDLER MIT VISIONEN

Hermann Heldberg: Gründer,  Geschäftsführer & Visionär
Hermann Heldberg: Gründer, Geschäftsführer & Visionär

Nachhaltig in der freien Wirtschaft agieren. Puuh. Das hört sich nach einer harten Aufgabe an. Da stehen faire Bezahlung und Umweltschutz auf der einen Seite und Existenzdruck eines Unternehmens auf der anderen.

 

Als kleines Start-up haben wir schnell gemerkt, dass wir von dieser Problematik nicht verschont bleiben. Ganz platt fragen wir uns also: Wie vereint man beide Komponenten? Und geht das überhaupt?

Ein Experte der besonderen Art

In Göttingen wollen wir jemanden treffen, der uns viel darüber erzählen kann. Hermann Heldberg. Seit knapp 40 Jahren führt er einen Großhandel für Naturkost und zählt zu den großen Wegbereitern der Bio-Branche. Mit Naturkost Elkershausen hat er viel erreicht: 152 Mitarbeiter und ein jährlicher Umsatz von mehr als 40 Mio. Euro. Ihn interessieren ökologische und soziale Werte jedoch mehr als ökonomische Kennzahlen. 

 

Und dass es bei ihm im Unternehmen anders läuft, merken wir von Anfang an. Ein wohliges Gefühl macht sich in uns breit, als wir sein Büro betreten. Möbel aus Massivholz, Zitronenduft & Wohnzimmerstimmung tragen dazu bei. Vor allem aber Hermann selbst mit seiner lockeren Art, uns willkommen zu heißen.

Gemeinsam erkunden wir sein Unternehmen - dafür nimmt er sich extra viel Zeit
Gemeinsam erkunden wir sein Unternehmen - dafür nimmt er sich extra viel Zeit

Bio ist nicht gleich bio

Im Gespräch merken wir schnell, dass Hermann wahnsinnig viel über die Branche weiß. Darüber, wie sie sich seit den 70er Jahren entwickelt hat und wer die großen Player sind. Vor allem erzählt er uns von dem neuen Mainstream des Bio-Landbaus. Diese enorme Veränderung betrifft die ganze Öko-Branche. Ihn natürlich speziell als Großhändler, aber auch seine Kunden im Einzelhandel. Denn wenn in Discountern Bio-Lebensmittel angeboten werden, dann diktieren diese starken Abnehmer den Preis… und zwar nach unten. Dadurch leiden Produktqualität, ökologische und soziale Prinzipien. Und so ist bio nicht mehr das selbe bio wie in den 70ern.

>> Hermann erzählt uns, dass viele Bioprodukte, in erster Linie Hülsenfrüchte und Kerne, aus China kommen, deren biologischer Anbau nicht immer sicher ist. Oder, dass in der Legehennenhaltung mit Hochzuchthennen gearbeitet wird, die ca. 250 Eier pro Jahr legen, aber nach einem Jahr geschlachtet werden, da sie die Leistung nicht durchhalten. Und auch das Fairtrade-Siegel heißt nicht, dass Arbeiter am Ende des Monats wirklich genügend Geld zum Leben haben - Marokko sei dafür das beste Beispiel. <<

Umdenken statt mitlaufen

Statt sich von dieser Welle mitreißen zu lassen, schlägt er bereits jetzt neue Wege ein. Er ist sich sicher: Bio muss sich neu aufstellen und gerade der Naturkostfachhandel muss großen Ketten immer einen Schritt voraus sein. Gute Qualität, Transparenz und Regionalität werden immer mehr auschlaggebend sein. Ein gutes Beispiel, um bio wieder in die richtige Richtung zu lenken, sei die Bruderhahn-Initiative. Die setzt sich dafür ein, dass die männlichen Küken nicht getötet werden, sondern gemästet und dann geschlachtet werden. Für jedes gehandelte Ei überweisen Großhändler einen Cent an die gemeinnützige Ökologische Geflügelzucht. Sie arbeitet daran, ein „Zweinutzenhuhn“ zu züchten, das  ausreichend Eier legt und deren Hähne sich gut für die Mast eignen. Er erzählt uns, dass Mitgliederläden zur Zukunft werden könnten, um sich von den großen Supermarktketten und Discountern abzuheben. Sie ermöglichen den Mitgliedern ökologische Lebensmittel zum Großhandelspreis - für einen monatlichen Beitrag.

 

Beim Gang durch sein Großhandels-Lager erzählt er uns von vielen Maßnahmen, mit denen er sich neu aufstellt und den Weg für eine nachhaltigere Zukunft mitgestaltet. Die Liste ist lang:

Sie reicht von unverpackt-Maßnahmen, wie Weck-Gläser als Pfandgläser einzusetzen, zum Abfüllen von Frischkäse oder Oliven, und Gebühren auf Einweg-Holzkisten von Lebensmittelimporteuren zu nehmen. Bis hin zur transparenten Eigenmarke, die lokale Produzenten unterstützt. Aber auch faire Gehälter nach Tariflohn und das beste Bio-Essen in der eigenen Kantine sind dem Unternehmer wichtig. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt seiner Aktionen.  

... hier kommt die gesamte Palette für noch mehr Nachhaltigkeit:

Nachhaltigkeit in der freien Wirtschaft ist möglich!

Immer und immer wieder Entwicklungen hinterfragen, mit seinen Werten vergleichen und unermüdlich neue Pläne schmieden. Selbst nach 40 Jahren ist Hermann darum bemüht, seine Qualität zu verbessern und seine ökologischen und sozialen Visionen in die Tat umzusetzen, ohne Abstriche. Großartig.

 

Inspiriert und mit vielen Ideen fahren wir wieder nach Kiel. Danke Naturkost Elkershausen & danke Hermann!

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Ein Artikel von Christina Lehmann.

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